Die Börsenkrise ist eine Bankenkrise

Eine Entwicklung, die sich noch weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit abspielt macht der „Economist“ vergangenen Woche zum Theme. In einem Beitrag mit der Überschrift „Große Angst“ wurde harsche Kritik an Stephen Hester, dem Chef der Royal Bank of Scotland (RBS) geäußert. Dieser hatte in einem Radiointerview gesagt: “Wie schon bei der Krise von 2007/2008 sei das Problem der aktuellen Krise nicht so sehr der Zustand der Banken als vielmehr ein globales wirtschaftliches Ungleichgewicht“.

Der „Economist“ bezeichnet das als schlicht falsch. Die Banken leiden heute wegen ihrer engen Bindungen an die Regierungen. Vor drei Jahren basierten die Probleme auf ihrern eigenen schlechten Entscheidungen.

Die Banken haben klammheimlich wieder aufgehört, einander Geld zu leihen. Dies war schon bei der letzten Krise der Auslöser zum Crash. Und ähnliche Anzeichen beobachten die Analysten auch jetzt wieder. Die Banken haben einen neuen Rekordbetrag bei der EZB deponiert, so viel wie seit sechs Monaten nicht mehr. Zahlreiche europäische Banken machen sich ernsthaft Sorgen um ihre kurzfristige Liquidität. Dies lässt sich am Euribor-OIS erkennen, einem Indikator, der zeigt, dass die Banken höchst nervös sind, einander Geld zu leihen.

Schon Anfang August war zu beobachten, dass viele Banken Gelder von den Geldmärkten abziehen. Dieses Verhalten veranlasste die Bank of New York Mellon Gebühren für große Depots zu erheben, um die Anleger zu zwingen, ihr Geld in US Staatsanleihen zu verschieben. Nach Berechnungen der Marktforschungsfirma Lipper hatten die Investoren zum 3. August 66 Milliarden Dollar abgezogen. Während sich die Obama-Administration freuen dürfte, dass sie wieder schneller an billigeres Geld kommen, bedeutet diese Nachricht vor allem für die europäischen Banken nichts Gutes. Der „Economist“ zitiert einen europäischen Banker, der sagte, er habe noch nie eine solche große Aversion gegen Risiko gesehen wie Anfang August.
Diese Entwicklung hat sich am Montag fortgesetzt. Das „Wall Street Journal“ zitierte einen deutschen Händler, der meinte: Dies sei eine klare Botschaft des Marktes: „Das Vertrauen der Banken zueinander wird nicht größer, es wird kleiner.“

Viele Banken haben bereits die besseren Sicherheiten hinterlegt und müssen nun auf Papiere mit geringerer Qualität zurückgreifen. Die Bereitschaft von Gegenparteien für diese Geschäfte ist gesunken, da sie sich selbst immer weniger am Markt absichern können. Investmentbanken stoppen Kreditlinien in Milliardenhöhe. Auch gibt es Meldungen, dass asiatische Banken – als Folge der erwähnten Gerüchte um Frankreich und der kräftigen Kursverluste französischer Banken – damit begonnen hätten, ihre Kreditlinien an europäische Institute zu überdenken. Auch renommierte US-Geldmarktfonds haben ihre Positionen in den zwei größten italienischen und spanischen Banken Ende Juli komplett aufgegeben und ihre Kreditvergabe an französische Banken reduziert. Unter diesen Geldmarktfonds befanden sich: JPMorgan Prime Money Market Fund, Vanguard Prime Money Market Fund, Fidelity Cash Reserves Fund, Fidelity Prime Money Market Portfolio Fund, BlackRock TempFund sowie Federated Prime Obligations Fund.

Die Liquiditätsverengung durch das Eintrocknen traditioneller Kapitalquellen ist von grosser Bedeutung, da europäische Banken einen hohen Refinanzierungsbedarf aufweisen. Laut der European Banking Authority laufen dieses und nächstes Jahr 4800 Mrd. EUR an Wholesale- und Interbank-Geldern aus. Ein Resultat der sich verschärfenden Finanzierungsengpässe ist, dass Banken sich immer mehr an die Europäische Zentralbank (EZB) und ihre Offenmarktoperationen als letzte verbliebene Kapitalquelle wenden müssen. Doch auch diese Refinanzierung ist nur so lange möglich, als Banken Sicherheiten von ausreichender Qualität zur Verfügung haben.

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