Der Euro wird zusammenbrechen

Der Euro hat keine Zukunft. Diese Feststellung mag provokant klingen. Sie drängt sich aber auf, wenn man in die Geschichte zurückblickt.
Im Jahre 1914 war Deutschland stolz auf seine durch Gold gedeckte Mark. Diese Währung bestand seit 1876 und hatte sich jahrzehntelang als stabil erwiesen. Durch die Kriegsgesetze von 1914 erhielt das Reich allerdings Zugang zum Notenbankkredit, und das markierte den Anfang vom Untergang der Mark, die zuletzt in Scheinen von je 100 Billionen gedruckt wurde.
1924 unternahm Deutschland durch Einführung der Reichsmark einen neuen Anlauf, zu einer stabilen Währung zu kommen. Auf Grund der frischen Erfahrungen mit der -Hyperinflation garantierte das Bankgesetz die Unabhängigkeit der Reichsbank. Seit 1933 wurde diese Unabhängigkeit indes schrittweise ausgehöhlt, und nach 1939 unterlag die Reichsbank den Weisungen des «Führers und Reichskanzlers», der seine Befugnis zur sogenannten geräuschlosen Kriegs-finanzierung nutzte. Am Ende des trickreichen Hütchenspiels, in dem unter anderem die berüchtigten «Mefowechsel» (nach der Metallurgischen Forschungsgesellschaft mbH benannte Wechsel, mit denen Rüstungsausgaben bezahlt wurden) eine Rolle spielten, stand die Währungsreform von 1948. Mit ihr wurden private Ersparnisse auf ein Zehntel oder weniger gemindert. Private Schulden blieben übrigens in voller Höhe bestehen.
Vergleicht man die Gegenwart mit 1914 und 1933, also den Jahren, in denen die Währungsstabilität durch falsche Weichenstellungen gefährdet wurde, fällt das Ergebnis niederschmetternd aus: Die Europäische Zentralbank hat in grossem Umfang Anleihen insolventer Staaten aufgekauft, also Notenbankkredit gegeben, sie hat darüber hinaus Schrottanleihen als Sicherheit akzeptiert und ein gigantisches Schattenkreditsystem errichtet.
Derzeit beobachten wir Tag für Tag unglaubliche Rechtsbrüche: Die Europäische Notenbank kauft Staatsanleihen, obwohl der Lissabonner Vertrag ihr das verbietet; die Mitgliedstaaten ignorieren vertragliche Schuldengrenzen, und zusammen mit den Mitgliedstaaten verstösst die Kommission gegen das ausdrückliche Verbot, insolventen Staaten beizustehen.

In einem aktuellen Buch beschreiben die Wissenschaftler Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff Hunderte Staatspleiten und Währungsreformen. Deren Verlauf verläuft stets schleichend, weil die Regierungen es immer wieder schaffen, beim Bürger die Illusion der Währungsstabilität aufrechtzuerhalten. Daher der ironische Titel des Buches: «Dieses Mal ist alles anders».
Tatsächlich aber wird es dieses Mal genau so sein, wie es immer war, wenn Stabilitätsregeln beiseite geschoben wurden, Staaten sich exzessiv verschuldeten und willfährige Notenbanken Staatskredit gaben: Am Ende stehen Staatsbankrott und Währungsreform. Deutschland, das mit Beistandszahlungen geradezu um sich wirft, befindet sich keineswegs aussen vor, sondern mittendrin.

Vermutlich werden schon die nächste Rezession oder die nächste Hochzinsphase das ganze Euro-Kartenhaus zum Einsturz bringen und als vorerst letzten «solidarischen Akt» eine europaweite Währungsreform erfordern.
Technisch und ökonomisch ist ein Ausstieg aus dem Euro nicht schwieriger als der Einstieg, der vor einigen Jahren problemlos verlief. Aber was bedeutet das Gemeinwohl im Vergleich zum Wohlergehen der Banken, die durch Erwerb problematischer Staatsanleihen hohe Risikoprämien ohne Risiko einstreichen? Es besteht die Gefahr einer schleichenden Veränderung unseres politischen Systems, wobei im Vordergrund einige gewählte Akteure das Stück «Demokratie» spielen, während die Finanzindustrie im Hintergrund die Fäden zieht. Realistisch gedacht wird die Politik am Euro festhalten, solange es irgend geht.
Der Zusammenbruch des Euro wird nur als eine von vielen Währungsreformen in die Geschichte eingehen, und unsere Nachfahren werden sich fragen, wie wir so dumm sein konnten.

Quelle: Hamburger Abendblatt vom 22.6.2011, Stefan Homburg

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